Herz, Stoffwechsel und Gehirn teilen viele Risikofaktoren. Wir ordnen die Podcastfolge und legen die Studien daneben: was belegt ist und was offen bleibt.

In Folge 013 von «die gesunde unterhaltung» spricht Moderator Tom knapp drei Stunden mit Dr. Manuel Puntschuh, dem Chief Medical Officer von Aeon. Er ist Facharzt für Allgemeine Innere Medizin und hat früher als Oberarzt auf einer Notfallstation gearbeitet. Du solltest wissen, dass er zu Aeon gehört, wenn du seine Einordnung hörst. Du findest die Folge bei Apple Podcasts und auf Spotify.

Das Gespräch springt zwischen vielen Themen. Dieser Artikel ordnet drei davon und legt die Studien daneben: Insulinresistenz, Herz und Gefässe, Demenz. So kannst du nachlesen, was belegt ist und was offen bleibt. Eine Kurzfassung gibt es im Artikel zu den Demenz-Risikofaktoren. Du musst die Folge nicht gehört haben, um den Text zu verstehen.

Thema der Folge Wo du es hier findest
Herz und Gefässe Abschnitt «Herz und Gefässe: Der Prozess beginnt früh»
Stoffwechsel Abschnitt «Stoffwechsel: Was vor der Diagnose passiert»
Demenz Abschnitt «Demenz: Was belegt ist und was offen bleibt»
Messen und einordnen Abschnitt «Was du mitnehmen kannst»

Die Folge berührt auch Krebsfrüherkennung, Hormontherapie, Medikamente und Genetik. Diese Themen lassen wir hier bewusst aus, denn es geht dabei um Behandlungsentscheide, die in ein ärztliches Gespräch gehören.

Herz und Gefässe: Der Prozess beginnt früh

Ein Herzinfarkt wirkt wie ein plötzliches Ereignis. Dahinter steht meist eine Atherosklerose: Ablagerungen und Veränderungen in der Wand der Arterien, die sich über Jahre aufbauen (Ference et al., 2017).

Wie früh das beginnt, zeigt eine US-Autopsiestudie (Strong et al., 1999). Bei 15- bis 19-Jährigen fanden die Forschenden Veränderungen in allen untersuchten Aorten und in mehr als der Hälfte der rechten Herzkranzarterien. Das heisst nicht, dass in diesem Alter ein Herzproblem besteht. Es zeigt, dass der Prozess lange vor möglichen Beschwerden anfängt.

Ein Herzinfarkt ist das späte Ende eines langen Prozesses

Schematisch, von oben nach unten über Jahrzehnte.

JUGEND Erste Veränderungen Autopsiestudie: Bei 15- bis 19-Jährigen zeigen sich schon Veränderungen in der Gefässwand. JAHRZEHNTE Der Prozess läuft leise Die Veränderungen nehmen zu, oft ohne Beschwerden. Die Dauer zählt. SPÄTER Herzinfarkt oder Schlaganfall Das Ereignis ist der späte Teil eines langen Prozesses.
Schematische Darstellung nach Strong et al. (1999) und Ference et al. (2017), keine Patientendaten.

Beim LDL-Cholesterin zählt deshalb nicht nur, wie hoch der Wert ist, sondern auch, wie lange er hoch bleibt. Ein Konsensbericht der European Atherosclerosis Society (Ference et al., 2017) wertete über 200 Studien mit über 2 Millionen Teilnehmenden aus. Das Risiko steigt mit der Höhe der LDL-Belastung, und der Effekt nimmt mit der Dauer der Belastung zu. Die Autorinnen und Autoren halten fest, dass LDL atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursacht.

LDL ist dabei nicht der einzige Faktor. Die INTERHEART-Studie (Yusuf et al., 2004) verglich in 52 Ländern rund 12’500 Menschen mit einem ersten Herzinfarkt mit rund 14’600 ohne. Neun beeinflussbare Faktoren erklärten rechnerisch rund 90 % des Herzinfarktrisikos in der Bevölkerung bei Männern und 94 % bei Frauen, darunter Rauchen, Blutfette, Bluthochdruck und Diabetes.

Stoffwechsel: Was vor der Diagnose passiert

Insulin ist ein Hormon der Bauchspeicheldrüse. Es sorgt dafür, dass Zucker aus dem Blut in die Zellen gelangt. Bei einer Insulinresistenz reagieren die Zellen schwächer auf dieses Signal. Der Körper gleicht das aus und bildet mehr Insulin.

Diese Entwicklung beginnt lange vor einer Diabetes-Diagnose. In der britischen Whitehall-II-Kohorte (Tabák et al., 2009) sank bei Menschen, die später Typ-2-Diabetes bekamen, die Insulinempfindlichkeit schon in den fünf Jahren vor der Diagnose. Die Insulinbildung stieg zunächst an und fiel danach ab, und der Nüchternblutzucker stieg erst in den letzten drei Jahren steil an. Die Autorinnen und Autoren fanden Veränderungen bis zu sechs Jahre vor der Diagnose. Der Blutzucker allein verrät diese Entwicklung deshalb erst spät.

Wie sich eine Insulinresistenz entwickelt

Schematischer Ablauf, von oben nach unten über Jahre.

ZUERST Schwächeres Signal Die Zellen reagieren weniger stark auf Insulin. DANN Mehr Insulin Der Körper gleicht aus. Der Blutzucker bleibt oft noch unauffällig. SPÄTER Der Ausgleich reicht nicht mehr Der Blutzucker steigt. Typ-2-Diabetes wird möglich.
Schematische Darstellung, keine Patientendaten.

Messen lässt sich das im Blut. Üblich sind der Nüchternblutzucker und der HbA1c, der den durchschnittlichen Blutzucker der letzten Monate abbildet. Dazu kommt das Nüchterninsulin. Aus Nüchternblutzucker und Nüchterninsulin lässt sich der HOMA-IR berechnen, ein Schätzwert für die Insulinresistenz (Matthews et al., 1985). Nüchterninsulin und HOMA-IR kommen auch in der Folge zur Sprache. Was ein Wert für dich bedeutet, ordnet eine Ärztin oder ein Arzt im Gesamtbild ein. Nicht jede Routinekontrolle umfasst alle diese Werte.

Demenz: Was belegt ist und was offen bleibt

Die Lancet-Kommission zur Demenz hat 2024 ihren aktuellen Bericht vorgelegt (Livingston et al., 2024). Der Bericht nennt 14 Risikofaktoren, die sich im Lauf des Lebens beeinflussen lassen. Die Rechnung dahinter: Bis zu 45 % der Demenzfälle könnten sich vermeiden oder hinauszögern lassen, wenn alle 14 Faktoren wegfielen. Die Zahl sagt nicht, dass du mit einem gesunden Lebensstil keine Demenz bekommst. Und sie sagt nicht, dass du mit einem dieser Faktoren eine bekommst. Die Zahl zeigt, wie gross der Spielraum insgesamt ist.

Die Tabelle ordnet die 14 Faktoren des Berichts nach Themen. Die Gruppierung ist unsere, nicht die des Berichts.

Gruppe Faktoren
Gefässe und Stoffwechsel Bluthochdruck, hohes LDL-Cholesterin, Übergewicht, Diabetes, Bewegungsmangel
Sinne Hörverlust, unbehandelter Sehverlust
Gewohnheiten und Umwelt Rauchen, viel Alkohol, Luftverschmutzung
Seele und Alltag Depression, soziale Isolation
Weitere Weniger Schulbildung, Kopfverletzungen

Zur Einordnung

Mehrere der Faktoren betreffen Gefässe und Stoffwechsel: Blutdruck, Blutfette, Gewicht und Blutzucker.

Diabetes gehört zu den 14 Faktoren der Kommission. Eine Übersichtsarbeit in Nature Reviews Neurology (Arnold et al., 2018) fasst zusammen, was über die Insulinsignalisierung im Gehirn bekannt ist. Die Arbeit beschreibt, dass sich Typ-2-Diabetes und Alzheimer in Risikofaktoren, Begleiterkrankungen und möglichen Mechanismen überlappen, und definiert den Begriff der Insulinresistenz des Gehirns: Hirnzellen reagieren dann weniger stark auf Insulin, als sie sollten.

Ob Typ-2-Diabetes und Alzheimer parallele Alterungsvorgänge sind oder über einen gemeinsamen Mechanismus zusammenhängen, ist offen. Manche Fachleute nennen Alzheimer deshalb «Diabetes Typ 3». Das ist ein Bild und eine Hypothese, keine Diagnose.

Die Verbindung zwischen Stoffwechsel und Gehirn ist plausibel. Dass Insulinresistenz Demenz auslöst, ist damit nicht bewiesen.

Für dich heisst das: Du musst die Frage nach der Ursache nicht abwarten. Die Faktoren aus dem Bericht der Kommission, vom Blutdruck bis zum Cholesterin, lassen sich unabhängig davon anschauen.

Was du mitnehmen kannst

Wenn Gefässe, Stoffwechsel und Gehirn viele Risikofaktoren teilen, lohnt sich ein Blick auf die Werte, die sich messen lassen. Ein einzelner Wert ist eine Momentaufnahme. Aussagekräftiger ist der Verlauf über die Jahre, weil Belastungen wie ein hohes LDL-Cholesterin mit der Dauer mehr Gewicht bekommen (Ference et al., 2017). Mehr zu messen ist dabei nicht automatisch besser. Auch die Folge spricht an, dass viel Messen verunsichern kann. Sinnvoll ist, was etwas bedeutet und worauf du reagieren kannst.

Der Bericht der Kommission und die Studien oben beschreiben Risikofaktoren, keine Rezepte. Trotzdem lassen sich daraus Fragen ableiten, die du in der Hausarztpraxis stellen kannst.

  • Blutdruck. Er gehört zu den 14 Faktoren der Lancet-Kommission. Lass ihn messen, auch wenn du dich gut fühlst.
  • Blutzucker und Cholesterin. Frag nach Nüchternblutzucker, HbA1c und LDL-Cholesterin. Für Nüchternwerte kommst du mehrere Stunden ohne Essen zur Blutentnahme. Die Praxis sagt dir, wie lange genau.
  • Rauchen. Rauchen steht in beiden Listen, bei Herz und Gehirn. Wenn du aufhören willst, unterstützt dich die Hausarztpraxis.
  • Bewegung. Bewegungsmangel steht auf der Liste. Hilfreich ist, was du dauerhaft durchhältst, nicht, was auf dem Papier am besten aussieht.
  • Hören und Sehen. Hörverlust und unbehandelter Sehverlust gehören ebenfalls zu den Faktoren der Lancet-Kommission. Ein Hör- und ein Sehtest sind deshalb sinnvolle Termine.

Kein einzelner dieser Punkte ist eine Garantie. Zusammen ergeben sie ein Bild davon, wo du stehst. Und ein Bild kannst du über die Jahre vergleichen.

Das Wichtigste in Kürze

Früh angelegt. Eine Atherosklerose kann schon bei Jugendlichen beginnen, lange vor möglichen Beschwerden.
Dauer zählt. Beim LDL-Cholesterin wirkt nicht nur die Höhe, sondern auch die Zeit.
Früh im Stoffwechsel. Bei Menschen, die später Typ-2-Diabetes bekamen, veränderten sich Insulinempfindlichkeit und Insulinbildung schon Jahre vor der Diagnose.
Geteilte Faktoren. Herz, Stoffwechsel und Gehirn teilen viele Risikofaktoren. Rechnerisch hängen bis zu 45 % der Demenzfälle mit 14 Faktoren zusammen.
Ursache offen. Ob Insulinresistenz im Gehirn Demenz auslöst oder nur mit ihr einhergeht, ist nicht geklärt.

Fazit

Herz, Stoffwechsel und Gehirn sind keine getrennten Baustellen. Viele Risikofaktoren überlappen, und die meisten lassen sich messen und besprechen. Wie weit Insulinresistenz im Gehirn Demenz mitverursacht, wird weiter erforscht. Dass Blutdruck, Blutfette, Gewicht, Bewegung und Blutzucker in der Forschung immer wieder auftauchen, ist dagegen gut dokumentiert. Du musst nicht alles perfekt machen. Zu wissen, wo du stehst, reicht für den Anfang.

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Häufig gestellte Fragen

Lässt sich Demenz mit einem Bluttest erkennen?

Nein. Werte wie Nüchternblutzucker, HbA1c oder Cholesterin sagen etwas über Stoffwechsel und Gefässe aus, aber nicht, ob jemand an Demenz erkrankt ist. Wenn du oder jemand in deiner Familie Gedächtnisprobleme bemerkt, ist die Hausarztpraxis die erste Anlaufstelle. Von dort geht es bei Bedarf weiter an eine Memory-Clinic.

Ist Alzheimer wirklich «Diabetes Typ 3»?

Das ist eine Hypothese und keine Diagnose. Dahinter steht die Annahme einer Insulinresistenz der Hirnzellen. Die Übersichtsarbeit von Arnold und Kollegen (2018) beschreibt Überlappungen zwischen Typ-2-Diabetes und Alzheimer und lässt offen, ob es sich um parallele Alterungsvorgänge oder um miteinander verknüpfte Kreisläufe handelt.

Wann beginnt eine Atherosklerose?

Eine US-Autopsiestudie fand bei 15- bis 19-Jährigen schon Veränderungen in der Aorta und in mehr als der Hälfte der rechten Herzkranzarterien (Strong et al., 1999). Das bedeutet nicht, dass in diesem Alter ein Herzproblem besteht. Es zeigt, dass der Prozess lange vor möglichen Beschwerden anfängt.

Welche Werte sagen etwas über Insulinresistenz aus?

Üblich sind Nüchternblutzucker und HbA1c. Zusätzlich lässt sich das Nüchterninsulin bestimmen, aus dem zusammen mit dem Nüchternblutzucker der HOMA-IR berechnet wird (Matthews et al., 1985). Nicht jede Routinekontrolle umfasst alle diese Werte. Frag in deiner Praxis nach, welche sie anbietet.

Ersetzen die Folge oder dieser Artikel ein Gespräch mit meiner Hausärztin oder meinem Hausarzt?

Nein. Beides ordnet Wissen ein, stellt aber keine Diagnose und gibt keine Behandlungsempfehlung. Bei Fragen zu deiner Gesundheit ist die Hausarztpraxis die erste Anlaufstelle.

Quellen