Atherosklerose beginnt in der Jugend, nicht mit 60. Warum ein Risikoscore junge Menschen meist beruhigt und was Ultraschall an Hals und Leiste zeigt.
Atherosklerose ist älter als die meisten denken
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in der Schweiz die häufigste Todesursache. Die Krankheit dahinter heisst Atherosklerose, und so weit ist das bekannt. Weniger bekannt ist, wann sie eigentlich anfängt.
Die Antwort kommt aus einer Studie, die niemand gern liest. Die PDAY-Studie untersuchte in den USA die Arterien von 2876 Menschen zwischen 15 und 34 Jahren, die an äusseren Ursachen gestorben waren, meist bei Unfällen. In der jüngsten Altersgruppe, den 15- bis 19-Jährigen, fanden sich Veränderungen der Gefässinnenwand in allen untersuchten Hauptschlagadern und in mehr als der Hälfte der rechten Herzkranzgefässe. Mit steigendem Alter nahmen Häufigkeit und Ausdehnung schnell zu. Die Schlussfolgerung von Strong et al., 1999 war entsprechend deutlich: Vorbeugung müsse in der Kindheit oder Jugend beginnen.
Es ist also keine Alterskrankheit, sondern eine, die ein Leben lang läuft. Was mit 60 als Ereignis sichtbar wird, hat dann schon Jahrzehnte Vorlauf hinter sich.
Kernpunkt
Ein Herzinfarkt mit 58 ist meist kein plötzliches Ereignis. Er ist oft das späte Ende eines Prozesses, der Jahrzehnte früher begonnen hat.
Wann die Krankheit läuft, und wann gesucht wird
Schematisch, von oben nach unten über Jahrzehnte.
Warum ein Risikoscore junge Menschen meist beruhigt
Die klassische Vorsorge rechnet mit einem Zehnjahres-Risiko. Ein verbreitetes Modell dafür ist SCORE2: Alter, Rauchen, Blutdruck und Cholesterin gehen hinein, heraus kommt eine Prozentzahl für die nächsten zehn Jahre. Entwickelt wurde es für Menschen zwischen 40 und 69 Jahren ohne bekannte Gefässerkrankung oder Diabetes. Das ist ein gutes Werkzeug, und es ist für Bevölkerungen gebaut.
Nur hat es eine eingebaute Eigenart: Das Alter geht direkt in die Rechnung ein. Für eine 40-jährige Person fällt die Zahl deshalb meist niedrig aus, auch wenn sich in ihren Arterien bereits etwas gebildet hat. Das Ergebnis lautet dann: unauffällig, in ein paar Jahren wieder anschauen.
Wie oft das danebenliegt, hat die spanische PESA-Studie gezeigt. Sie untersuchte 4184 beschwerdefreie Menschen zwischen 40 und 54 Jahren mit Ultraschall an mehreren Gefässgebieten und zusätzlich mit einem Kalk-CT des Herzens. Bei 63 % fand sich Atherosklerose, bei Männern in 71 % der Fälle, bei Frauen in 48 %. Und unter denjenigen, die nach dem klassischen Score als niedriges Risiko galten, hatten 58 % trotzdem einen Befund.
Zwei Fragen, die oft verwechselt werden
Oben die Schätzung, unten der Befund.
Hals und Leiste: dort findet sich am häufigsten etwas
Wenn man nicht schätzen, sondern nachsehen will, stellt sich die nächste Frage: wo?
Die Antwort ist für viele überraschend. Nicht am Herzen. PESA hat gemessen, wo sich Ablagerungen bei beschwerdefreien Menschen mittleren Alters am häufigsten finden, und die Rangfolge ist eindeutig.
| Gefässgebiet | Anteil mit Befund | Verfahren |
|---|---|---|
| Leistenarterien | 44 % | Ultraschall |
| Halsschlagadern | 31 % | Ultraschall |
| Bauchschlagader | 25 % | Ultraschall |
| Herzkranzgefässe (Kalk) | 18 % | CT |
Die Leiste liegt vorn, der Hals folgt. Die Herzkranzgefässe stehen ganz unten, und das hat einen technischen Grund: Ein Kalk-CT sieht Verkalkung, und Verkalkung ist ein spätes Stadium. Weiche, noch nicht verkalkte Ablagerungen erscheinen dort schlicht nicht. Ein Kalkwert von null bedeutet deshalb nicht, dass nichts da ist.
Ultraschall hat hier drei praktische Vorteile. Er sieht auch weiche Plaque. Er kommt ohne Strahlung und ohne Kontrastmittel aus, es gibt also keine Altersgrenze. Und er lässt sich wiederholen, so oft es medizinisch sinnvoll ist.
Einordnung
Gemessen wird die Plaquefläche, nicht die Wanddicke. Die Fläche sagt mehr über das Risiko aus und lässt sich später verlässlicher wieder vergleichen.
Dass das nicht nur plausibel klingt, sondern auch etwas bringt, zeigt eine Schweizer Kohorte. In der ARCO-Studie wurden 2842 Personen zwischen 40 und 65 Jahren im Mittel knapp sechs Jahre lang begleitet. Ergänzte man den Risikoscore SCORE2 um die per Ultraschall gemessene Plaquefläche der Halsschlagadern, wurden deutlich mehr Menschen richtig eingestuft: eine Netto-Verbesserung von 24 % für Herzinfarkt und Hirnschlag und von 39 % für die breiter gefasste Gefässerkrankung.
Der Score schätzt eine Wahrscheinlichkeit. Der Ultraschall zeigt einen Zustand. Wer beides hat, entscheidet auf einer anderen Grundlage.
Was das bei Aeon konkret heisst
Aus dieser Logik ist bei uns der Arteries Plaque Check entstanden, eine Ultraschalluntersuchung der Hals- und Leistenarterien.
Der Ablauf ist bewusst niederschwellig gehalten. Rund 20 Minuten, keine Vorbereitung, kein Nüchternsein, keine Eignungsprüfung vorab. Der Befund wird ärztlich geprüft und liegt anschliessend im Aeon-Portal.
Geschaut wird auf vier Dinge:
- Ob überhaupt Plaque vorhanden ist. Die Frage, die ein Blutwert nicht beantworten kann.
- Wie viel. Die Plaquefläche wird quantifiziert, aus einem diffusen Risikogefühl wird eine Zahl mit Datum.
- Ob der Blutfluss beeinträchtigt ist. Auch das lässt sich im Ultraschall beurteilen, die Einordnung übernimmt ein Arzt oder eine Ärztin.
- Wie sich das über die Zeit verhält. Ohne Strahlung lässt sich in einem Jahr erneut messen und mit dem Vorbefund vergleichen.
Und eine ehrliche Einordnung gehört dazu: Für die Frage, wie es speziell den Herzkranzgefässen geht, bleibt das CT das stärkere und in den Leitlinien besser verankerte Verfahren. Der Ultraschall ersetzt es nicht. Er ist eine frühe und unaufwendige Ebene, und ein Befund dort kann Anlass sein, ärztlich über eine weitere Abklärung zu sprechen.
Was sich ändert
Ein Befund verschiebt die Frage von „was könnte irgendwann passieren“ zu „was ist da, und was mache ich damit“.
Das Wichtigste in Kürze
Fazit
Die Frage „wie hoch ist mein Risiko“ ist nicht falsch. Sie ist nur nicht die einzige, und bei jüngeren Menschen ist sie die weniger aussagekräftige. Die zweite Frage lautet: Ist schon etwas da? Sie lässt sich beantworten, in jedem Alter, ohne Strahlung, in zwanzig Minuten. Und sie liefert einen Ausgangswert, mit dem sich in ein oder zwei Jahren tatsächlich etwas vergleichen lässt.
Das ist der Unterschied zwischen warten und nachsehen.
Häufig gestellte Fragen
Ab welchem Alter ist so eine Untersuchung sinnvoll?
Eine feste Altersgrenze gibt es nicht, der Ultraschall kommt ohne Strahlung aus. Je früher ein Ausgangswert vorliegt, desto aussagekräftiger sind spätere Vergleiche. Ob und wann eine Untersuchung für dich persönlich sinnvoll ist, besprichst du am besten ärztlich.
Ersetzt der Ultraschall ein Herz-CT?
Nein. Für die Beurteilung der Herzkranzgefässe selbst ist das CT das stärkere Verfahren und besser in den Leitlinien verankert. Der Ultraschall sieht dafür früher, kommt ohne Strahlung aus und eignet sich zur Verlaufskontrolle. Die beiden Verfahren beantworten unterschiedliche Fragen.
Meine Cholesterinwerte sind gut. Reicht das nicht?
Blutwerte beschreiben Risikofaktoren, also Einflussgrössen. Sie sagen nichts darüber, was sich in der Gefässwand bereits gebildet hat. In der PESA-Studie hatten 58 % der Menschen mit niedrig berechnetem Risiko trotzdem einen Ultraschallbefund. Gute Werte sind ein gutes Zeichen, aber kein Ausschluss.
Wie oft lässt sich das wiederholen?
So oft, wie es medizinisch sinnvoll ist. Weil keine Strahlenbelastung entsteht, gibt es dafür keine technische Obergrenze. In der Praxis richtet sich der Abstand nach dem Vorbefund und wird ärztlich festgelegt.
Und wenn tatsächlich Plaque gefunden wird?
Ein Befund ist kein Notfall, sondern eine Information. Er ändert die Ausgangslage: Statt über ein mögliches künftiges Risiko wird über einen vorhandenen Zustand gesprochen. Was daraus folgt, entscheidet sich im ärztlichen Gespräch anhand des Gesamtbilds aus Befund, Blutwerten und Vorgeschichte.
Quellen
- Strong JP et al. Prevalence and extent of atherosclerosis in adolescents and young adults: implications for prevention from the Pathobiological Determinants of Atherosclerosis in Youth Study. JAMA 1999;281:727-735, belegt die Wandveränderungen in allen untersuchten Hauptschlagadern und in mehr als der Hälfte der rechten Herzkranzgefässe bei 15- bis 19-Jährigen (2876 Verstorbene zwischen 15 und 34 Jahren)
- Fernández-Friera L et al. Prevalence, vascular distribution, and multiterritorial extent of subclinical atherosclerosis in a middle-aged cohort: the PESA (Progression of Early Subclinical Atherosclerosis) study. Circulation 2015;131:2104-2113, belegt die Häufigkeit von 63 % bei 4184 beschwerdefreien Menschen zwischen 40 und 54 Jahren, die Verteilung nach Gefässgebiet und den Anteil von 58 % unter Menschen mit niedrig berechnetem Risiko
- Romanens M et al. Prognostic impact of carotid plaque imaging using total plaque area added to SCORE2 in middle-aged subjects: the ARteris Cardiovascular Outcome (ARCO) cohort study. Swiss Med Wkly 2024;154:3735, belegt die Verbesserung der Risikoeinstufung um 24 % und 39 %, wenn die Plaquefläche zu SCORE2 hinzukommt (2842 Personen, im Mittel 5,9 Jahre Verlauf)
- SCORE2 working group and ESC Cardiovascular risk collaboration. SCORE2 risk prediction algorithms: new models to estimate 10-year risk of cardiovascular disease in Europe. Eur Heart J 2021;42:2439-2454, belegt das Modell, seine Eingangsgrössen (Alter, Rauchen, Blutdruck, Cholesterin) und den Altersbereich von 40 bis 69 Jahren
- Bundesamt für Statistik: Herz- und Kreislauf-Erkrankungen, belegt, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der Schweiz die häufigste Todesursache sind